Medizin | Pflege

Versorgung von geria­tri­schen und demenz­erkrank­ten Patienten in den Nieder­landen

Sabine Müller ist Fachexpertin für Demenz und berät seit vielen Jahren Angehörige und Mitarbeiter zum Umgang mit demenziell veränderten Patienten. In diesem Jahr hat sie ein Stipendium der Robert Bosch Stiftung in die Niederlande erhalten. Im Kreise von 26 internationalen Teilnehmern konnte sie eine Woche lang einen Einblick in den Umgang mit Demenzerkrankten und geriatrischen Patienten in niederländischen Einrichtungen nehmen.

Die Reise ging von Amsterdam über Utrecht und Groningen nach Nimwegen. Dabei wurden Krankenhäuser der Regel- und der Maximalversorgung besichtigt. Unser Nachbarland zählt zu den sogenannten Vorzeigeländern im Gesundheitswesen und Sabine Müller hat viele innovative Ansätze mitgebracht. Wie läuft die Versorgung von geriatrischen Patienten in den Niederlanden? Was sind die Unterschiede? Im Gespräch mit Dr. Christine Bienek, die als Chefärztin das Zentrum für Altersmedizin am St. Elisabeth-Krankenhaus Niederwenigern leitet, berichtet Sabine Müller über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse.

 

Tanja Liebelt, M.A.

Referentin Unternehmenskommunikation

Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel

Demenzexpertin Sabine Müller (links) hat viele Erfahrungen und Bilder aus den Niederlanden mitgebracht. Sie berichtet Chefärztin Dr. Christine Bienek über die unterschiedlichen Herangehensweisen in der Versorgung geriatrischer Patienten

Demenzexpertin Sabine Müller (links) hat viele Erfahrungen und Bilder aus den Niederlanden mitgebracht. Sie berichtet Chefärztin Dr. Christine Bienek über die unterschiedlichen Herangehensweisen in der Versorgung geriatrischer Patienten

Dr. Christine Bienek: Das Gesundheitswesen der Niederlande hat in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle, welche Unterschiede haben Sie in der geriatrischen Versorgung wahrgenommen?

Sabine Müller: Unterschiede zu unserem System werden schnell sichtbar. Die Versorgung der geriatrischen Patienten läuft in einigen Häusern in kleinen Units mit dem entsprechenden Fachpersonal, ähnlich wie in den speziellen Einheiten in Deutschland. Jedoch wird die überwiegende Zahl der älteren Patienten dezentral versorgt. Das bedeutet, auch auf der Normalstation liegen geriatrische Patienten. Es gibt keine geriatrische Komplexbehandlung wie bei uns, sondern einen abteilungsübergreifenden Konsiliardienst durch Geriater und Fachpflege. Der Konsiliardienst berät fachübergreifend Kollegen, wie zum Beispiel zum Medikamentenmanagement und zu Maßnahmen der Delirprävention. Außerdem führt er Angehörigen- und Patientengespräche. Zudem verfügen einige Krankenhäuser über sogenannte Delirteams, bestehend aus Geriater, Fachpflege, Physiotherapeuten, Freiwilligendienst für alle geriatrischen Patienten. Das ist bei uns anders. Ihre Aufgabe ist die Mitarbeiterschulung und Gespräche mit Angehörigen und Patienten. In einem Krankenhaus der Maximalversorguung darf erstmals eine akademisierte Fachkrankenschwester delirpräventive Medikamente anordnen. Dass Geriatrie in den niederländischen Kliniken größtenteils dezentral organisiert ist, zeigt sich auch in der Infrastruktur. Alle Stationen verfügen über Living-Rooms, das sind Gemeinschaftsräume, die von einem »Activity-Coordinator« betreut werden, der aus dem therapeutischen Bereich kommt und die Pflege entlastet.

Alle Stationen haben eher integrativen Charakter

Das heißt, auf Demenz spezialisierte Stationen gibt es ebenfalls nicht?

Nein, es gibt keine speziellen Demenzstationen, die Versorgung der demenziell veränderten Patienten ist ebenfalls dezentral organisiert in der Gesamteinrichtung. Alle Stationen haben eher integrativen Charakter. Als Anregung für uns nehme ich mit, dass der Fokus eher auf der Spezialisierung für den älteren Menschen liegt, egal, welche Erkrankungen und speziellen Bedürfnisse in der Versorgung er mitbringt. Die Niederländer sprechen von alters- oder von seniorenfreundlichem Krankenhaus statt von demenzfreundlichem Krankenhaus wie bei uns.

Das finde ich begrüßenswert, denn diese Haltung spiegelt das wider, was wir uns in der Gesellschaft für den Umgang mit Demenz erhoffen: Nämlich dass die Krankheit mehr in den Alltag rückt, weg vom Rand. Dass Betroffene und ihre Angehörigen stärker Teil der Gesellschaft sind und Unterstützung ganz selbstverständlich und ohne Stigma erfahren. Wie haben die Krankenhäuser ihr Screening hinsichtlich Demenz aufgestellt?

 

Das Screening ähnelt unserem ISAR-Screening, das flächendeckend alle älteren Patienten erfasst. Patienten mit Demenz werden bei der Triage automatisch »rot« angezeigt und haben Priorität bei der Behandlung. Die Erfolge eines solchen frühen »Filtersystems« sind sichtbar. Die Häuser sind zunehmend sensibilisiert für diese Patienten und die erforderlichen Maßnahmen. Wir haben Häuser kennengelernt, in denen ein Geriater im 24-Stunden-Dienst tätig ist. Bei der Aufnahme wird ein Behandlungskonzept erstellt, welches dem Behandlungskonzept einer geriatrischen Komplexbehandlung bei uns gleicht. Jedoch erfolgt dieses direkt in der Notaufnahme.

Als wirklich zukunftsweisend habe ich das IT-gestützte Medikamenten­management empfunden. Der sogenannte Double-Check durch Apotheker und pharmazeutische Assistenten sorgt für Sicherheit und Entlastung für Mediziner und Pflegende. Es gibt weniger Wechselwirkungen und die Delirrate konnte gesenkt werden. Die PTA stellt auch die Medikation und passt bei Bedarf an.

Bei uns besteht seit der Einführung des ISAR-Screenings eine deutliche Sensibilisierung und Versorgung der ISAR-positiven Patienten. Die Delir-Pocket-Card, die ein Ergebnis der CLINOTEL-Arbeitsgruppe Delir ist, setzen wir seit dem Sommer flächendeckend um. Ein weiteres Projekt in Zusammenarbeit mit der Assistentin der Pflegedirektion, Christine Vollrath, ist die Einführung der »Eli-Box« für den operativen Bereich, dies betrifft die chirurgischen Stationen in Zusammenarbeit mit der Anästhesie-Pflege. Hierbei werden die Hilfsmittel (Zahnprothese, Hörgeräte und Brille), die dem älteren und/oder demenziell veränderten Patienten zur Kommunikation und zur Orientierung dienen, mit in den OP gegeben. Hiermit sollen ein perioperatives Delirium vermieden und die Patientensicherheit erhöht werden. Das bessere Outcome der delirgefährdeten Patienten gibt uns Recht mit den getroffenen Maßnahmen.

Screening in den Niederlanden

-----
frühzeitiges Filtersystem
-----
Vier-Achsen-Konzept:
physisch, psychisch, somatisch, funktionell
-----
IT-gestütztes Medikamentenmanagement
-----
sektorübergreifende Kooperation
-----

 

Screening in den
Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel

-----
ISAR-Screening
-----
Delir-Pocketcard
-----
Eli-Box für
operativen Bereich
-----

Patientenbereiche sind farbig gestaltet, Versorgungs- und Personalräume in Weiß gehalten. Das Farbkonzept erleichtert eingeschränkten Menschen die Orientierung

Patientenbereiche sind farbig gestaltet, Versorgungs- und Personalräume in Weiß gehalten. Das Farbkonzept erleichtert eingeschränkten Menschen die Orientierung

Wie ist die Infrastruktur angelegt, damit auch Demenzerkrankte sich zurechtfinden?

Zu den architektonischen Lösungen zählt, dass die Zimmertüren/-bereiche farbig hervorgehoben waren. Behandlungs- oder Lagerräume sind eher neutral und dezent in Weiß gehalten. Damit kommen auch die visuell eingeschränkten Patienten besser klar und werden in ihrer Selbstständigkeit aktiviert.

Was in allen besuchten Krankenhäusern auffiel: Oft macht die Atmosphäre, machen Kleinigkeiten den Unterschied. Ein Patientenrufsystem, bei dem die Bezugspflege über den Piepser gerufen wird statt über die weithin hörbare Schwesternrufanlage, trägt zur Ruhe auf der Station bei. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Pflegenden gestresst waren, es war immer ausreichend Personal auf den Stationen.

Was bei uns aus Datenschutzgründen undenkbar wäre: An den Zimmertüren hängen die Namen der Patienten. Dafür gibt es im Zimmer mehr Privatsphäre durch fest installierte Vorhänge, die bei Bedarf zugezogen werden können. Auf den Stationen weisen Infoboards mit Namen und Fotos aus, wer wann Dienst hat – Schwestern, Ärzte, Sozialdienstmitarbeiter, Case-Manager, diensthabender Arzt mit Sprechstunde. Die Angehörigen können sich selbst orientieren, wer wann ihr Ansprechpartner ist. Das verbessert Infofluss und Zufriedenheit und entlastet die Pflege. Natürlich fällt dann auch auf, wenn die Station mal schlecht besetzt ist, aber Transparenz zählt mehr.

 

Der humanoide Roboter »Pepper« interagiert mit Patienten

Der humanoide Roboter »Pepper« interagiert mit Patienten

Die Datenschutzbestimmungen binden uns tatsächlich an vielen Stellen die Hände, wo mehr Durchlässigkeit das Leben erleichtern würde. Erstaunlich genug, dass die Europäische Datenschutzbestimmung so grundlegend unterschiedlich umgesetzt wird. Und der Personalschlüssel, besonders der Pflegenden, scheint günstig zu sein. Gibt es mehr Pflegepersonal?

Es wird nicht signifikant mehr Pflegepersonal eingesetzt. Trotzdem hatte ich in keiner Einrichtung, die wir gesehen haben, das Gefühl, dass die Schwestern und Pfleger gestresst waren. Es war immer ausreichend Personal da. Viele Unterstützungsprozesse sind anders besetzt, ob durch die Activity-Coordinators oder den Patientenbegleitdienst, den wir ja auch in einigen Bereichen unserer Krankenhäuser vorhalten. Häufig ist die technische Ausstattung besser, die der Pflege das Arbeiten erleichtert. In allen Zimmern gab es beispielsweise Vorrichtungen zum Patientenaufrichten. Im Krankenhaus in Nimwegen nimmt der Roboter »Pepper« seinen menschlichen Kollegen etwas Arbeit ab. Er spricht die Senioren mit einfachen Fragen an und aktiviert so ihre kognitiven Fähigkeiten. Eine ebenso innovative wie kontrovers diskutierte Errungenschaft, dessen ist man sich bewusst. Wir müssen uns kritisch fragen, inwieweit ein Roboter Kommunikation mit unseren Patienten übernehmen kann und darf.

Wie wird das alles finanziert?

In die Finanzierung haben wir im Rahmen des Stipendiums einen groben Überblick erhalten. Es gibt eine Bürgerversicherung, das heißt die Patienten zahlen Privatleistungen, die Krankenkassen zahlen die stationären Kosten und die Rehabilitation. Die Patienten gehen länger in die Reha, im Schnitt werden sie nach zehn Tagen verlegt. Die Versorgung nach der Reha sowie die häusliche Pflege sind staatlich gefördert. Auch in den Niederlanden gilt ambulant vor stationär.

 

 

Wo stehen wir als Geriatrie im Vergleich?

Einen Vergleich anzustellen, fällt schwer, die Gesundheitssysteme sind grundverschieden. Man versucht in den Niederlanden, Geriatrie als Disziplin attraktiver für den ärztlichen Nachwuchs zu machen, da die Teams in alle Fachabteilungen gehen. Die Qualität der Patientenversorgung ist bei uns ebenfalls sehr gut. Das haben uns die Visitoren bei der gerade erfolgreich absolvierten Rezertifizierung unseres Hauses und speziell der Geriatrie erneut zurückgespiegelt. Was ich in dem Kontext Qualitätskontrolle in den niederländischen Einrichtungen überzeugend fand: Die Krankenhäuser werden zertifiziert von einem externen Unternehmen, dessen Zertifizierungsverfahren von Senioren entwickelt und gesteuert wird. Das heißt, Senioren wurden ganz konkret gefragt, was aus ihrer Sicht wichtig ist. Der »Kunde« steuert also die Kriterien mit. Dieser Perspektivenwechsel ist spannend und innovativ. Ein Stück mehr von dieser Blickrichtung würde ich mir für uns in Deutschland auch wünschen.

Zentrum für Altersmedizin
St. Elisabeth-Krankenhaus Niederwenigern

------------------
versorgt hochbetagte Patienten akutgeriatrisch – im Rahmen der Frührehabilitation und Prävention oder palliativ
-----------------
multiprofessionelles Team aus Fachärzten, Fachpflegern, Ergo-, Physio- und Ernährungstherapeuten, Logopäden und Sozialarbeitern
------------------
Ziel: die bestmögliche Lebensqualität im Alter zu erreichen
------------------
ärztliche Betreuung durch Neurologie, Innere Medizin, Orthopädie, Anästhesiologie oder Gerontopsychiatrie fach- und standortübergreifend

12 | 2018
E-MailDruckenPDF

Lesen Sie jetzt

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen, stimmen Sie der Nutzung zu.   » Datenschutzerklärung