Interview

Stationsapotheker: Alle Seiten profitieren

Medizin | Pflege
Werner HampeLeitung Unternehmenskommunikation
Klinikum Hersfeld-Rotenburg

In Niedersachsen sind sie ab 2020 Pflicht und auch bundesweit könnten sie irgendwann kommen: Stationsapotheker sind ein wichtiges Thema, das inzwischen auch in der Politik angekommen ist. Während seiner Beratungen über das seit Mai geltende Terminservice- und Versorgungsgesetz hatte es der Bundesrat auf der Agenda – und hat sich klar für eine bundesweite Einführung ausgesprochen. Wie die Arbeit mit einem Stationsapotheker im Alltag funktioniert, wurde nun am Klinikum Bad Hersfeld getestet.

Im Interview berichtet der Leiter der Krankenhausapotheke des Klinikums Bad Hersfeld, Dr. Klaus Schaible, über Hintergründe, Erfahrungen und Herausforderungen.

Seit einigen Monaten sind Sie regelmäßig als Stationsapotheker im Einsatz, seit Kurzem ist der Testzeitraum dieses »Modellprojekts« abgeschlossen. Wie genau muss man sich Ihre Arbeit als Stationsapotheker vorstellen?

Seit Februar gehe ich jeweils einmal wöchentlich zur Kurvenvisite auf die psychiatrisch offene und die psychiatrisch geschlossene Station. Dort schaue ich mir die Patientenakten an, schreibe, aktuell noch per Hand, die Medikationen heraus und übertrage sie ins System. Anschließend überprüfe ich sie – zum einen auf Wechselwirkungen, zum anderen aber auch darauf, ob sie in der entsprechenden Dosis überhaupt für den Patienten geeignet sind. Dabei sehe ich mir auch die Laborwerte an, denn wenn jemand beispielsweise einen Leberschaden hat, sind Medikamente in der Regel viel höher im Körper verfügbar, da ihr Abbau in der Leber stattfindet. Das ist enorm wichtig, da eine Anpassung nur unter Beachtung von Laborwerten und Wechselwirkungen vorgenommen werden kann. Finde ich etwas, das nicht passt, gebe ich auf Station eine Empfehlung. Außerdem stehe ich natürlich bei Bedarf zur Verfügung, wenn es akute Fragen zu Medikationen gibt.

Wieso wurde dieses Projekt eingeführt?

Im Grunde geht es um das Thema Arzneimittelsicherheit. Das Ganze hatte seinen Ursprung beim Bundesministerium für Gesundheit, denn dort wurde vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit den Kassen festgestellt, dass zu viel Geld im System verpufft und Menschen plötzlich Krankheiten bekommen, die sie normalerweise nicht haben. Man ist dann auf Ursachensuche gegangen und hat an verschiedenen Unikliniken eine Studie durchgeführt. Ziel war es, herauszufinden, was wirklich an Wechselwirkungen vorliegt, wie viele Kosten dadurch produziert werden und wie viele Todesfälle oder geschädigte Patienten dabei herauskommen. Bis dahin gab es dazu noch keine Zahlen.

Es wurde also der Ist-Zustand ermittelt. Aber damit allein ändert sich ja noch nichts?

Nein, es sollte natürlich auch geschaut werden, inwiefern wir das alles beeinflussen können und daraus sind in den letzten Jahren Aktionspläne zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) entstanden. Beispielsweise hat seit 2016 jeder gesetzlich Versicherte, der mindestens drei Arzneimittel nimmt, ein Recht darauf, vom Arzt einen schriftlichen Medikationsplan zu erhalten. Vor allem für ältere Menschen, die viel verordnet bekommen, ist so etwas interessant. Allerdings reicht das eigentlich noch nicht aus.

Wieso nicht?

In der Theorie klingt das schön, in der Praxis ist es aber oft so, dass ein solcher Plan zwar erstellt, jedoch nicht überprüft wird. Der Arzt stellt also den Plan auf, gibt die Dosierung und vielleicht noch den Einnahmezeitpunkt vor, aber das war es dann auch. Man schaut in der Regel nicht auf Wechselwirkungen, die es zwischen den Medikamenten gibt, dabei ist das eigentlich das Wichtigste. Ein Problem ist hierbei auch, dass viele Patienten heutzutage zum Facharzt und zum Hausarzt gehen, aber keiner da ist, der das alles überwacht.

Und das läuft zumindest im Krankenhaus nun anders. Wie waren denn Ihre Erfahrungen auf Station – gab es Schwierigkeiten?

Nein, eigentlich überhaupt nicht. Mit den Psychiatrie-Stationen funktioniert es wirklich sehr gut: Man versteht sich gut, die Zusammenarbeit ist unkompliziert und es läuft eigentlich alles, wie es soll. Es gibt auch kein Kompetenzgerangel oder so etwas, was natürlich auch immer wichtig ist. Die Teams auf den Stationen wirken eher dankbar, dass sich jemand richtig für die Medikationsthematik interessiert. Zu bedenken ist dabei aber natürlich auch, dass da wirklich viel Arbeit dazugehört, was zum Teil auch eine Schwierigkeit ist: Man muss die Zeit nebenbei abknapsen, denn wir sind noch nicht so weit, dass wir hauptamtliche Stationsapotheker haben. So viel Personal ist nicht verfügbar.

Die Teams auf den Stationen sind dankbar, dass sich jemand für die Medikationsthematik interessiert

Der Einsatz von Stationsapothekern in Kliniken bringt nach Ansicht von Apotheker Dr. Klaus Schaible Nutzen in vielfacher Hinsicht

Der Einsatz von Stationsapothekern in Kliniken bringt nach Ansicht von Apotheker Dr. Klaus Schaible Nutzen in vielfacher Hinsicht

Was bedeutet das für die Zukunft?

Auf den beiden Stationen läuft nun erst einmal alles wie gehabt mit gutem Ergebnis weiter, perspektivisch wollen wir es aber ausbauen und intensivieren. Genaue Aussagen lassen sich dazu aktuell allerdings nicht treffen, von Jahr zu Jahr wird ein Wirtschaftsplan erstellt und wir müssen schauen, was wir in diesem Bereich bewegen können.

Sie sagen, es liefe »mit gutem Ergebnis« weiter – was genau heißt das?

Na ja, im Prinzip profitieren ja alle Seiten davon: Durch die Anpassungen ist der Medikamentenverbrauch geringer und Pfleger und Ärzte werden entlastet, da jemand anderes nun den Überblick über die Medikation hat. Zudem haben wir eine wesentlich bessere Compliance bei den Patienten, also eine bessere Mitarbeit und Therapietreue.

In Niedersachsen sind Stationsapotheker ab 2020 vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Sollte eine solche Pflicht Ihrer Meinung nach deutschlandweit eingeführt werden?

Ich denke schon. Niedersachsen ist nun Vorreiter wegen des Falls um den Pfleger Nils Höger. Auch durch Stationsapotheker hätte man diesen vermutlich nicht verhindert, weil es ja um die Medikamentengabe geht, die letztlich niemand überwacht. Dennoch wäre einem Stationsapotheker ein erhöhter Verbrauch wahrscheinlich aufgefallen – hier vor Ort machen wir jetzt beispielweise Quartals- und Monatsanalysen und da fällt so etwas auf. Ich glaube schon, dass das Gesetz irgendwann bundeseinheitlich kommt, denn es rentiert sich auf jeden Fall, das beweisen auch Studien. Zurzeit haben wir dafür aber einfach noch nicht das nötige Personal und ein wichtiger Aspekt ist natürlich auch die Finanzierung.

12 | 2019
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