Medizin | Pflege

Rosa Schön und Oskar Lustig bringen Humor ins Patientenzimmer

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Das mag flapsig klingen, wenn es um den Umgang mit Demenz geht. Doch Lachen ist ein Türöffner, um Menschen mit Demenz auf Augenhöhe zu begegnen. Genau das gelingt den Geronto-Clowns am Evangelischen Krankenhaus. Sie sprechen, singen und lachen mit demenziell Erkrankten und bringen die Portion Fröhlichkeit und Zuversicht in ihren Alltag, die sonst häufig fehlt. Eine fundierte Ausbildung hat die vier Dürkheimer Teilnehmer des Modellprojekts »Geronto-Clowns für Menschen mit Demenz im Krankenhaus« der rheinland-pfälzischen Landesregierung bestens auf diese gar nicht so leichte Aufgabe vorbereitet.

Die rote Nase sitzt, das Ringelhemd unter dem azurblauen Jackett und der kugelrunde Smiley-Button auf dem Revers signalisieren gute Laune. Alise Höhn, langjährige Ehrenamtliche in der Dürkheimer Klinik und eine der 40 Absolventinnen der dreitägigen Geronto-Clown-Ausbildung, ist wie jeden zweiten Mittwochnachmittag in ihre Clowns-Garderobe geschlüpft und bereit für ihre Visite als Spaß-Doktorin Rosa Schön.

Verfolgt von amüsierten Blicken der Pflegekräfte und Besucher klopfen sie und ihr Kollege Oskar Lustig – im bürgerlichen Leben Gerhard Vollmar – an der ersten Zimmertür. »Dürfen wir reinkommen?«, fragt der 60-Jährige und rückt seine graue Schiebermütze keck zurecht. Das Clowns-Duo darf und ist gleich mittendrin in einem fröhlichen Austausch mit der Seniorin im Krankenbett und ihrem demenziell erkrankten Ehemann.

Der Herr im grauen Jogginganzug wohnt im Familienzimmer der Klinik bei seiner Frau. Rooming-in macht es möglich. »Ich habe hier mein eigenes Bett, stell dir mal vor«, klärt er Clown-Doktorin Rosa auf. Die nickt beeindruckt, und schon schaltet sich die Ehefrau lachend ein. »Wir sind seit mehr als 62 Jahren verheiratet, und ein Ende ist noch nicht in Sicht«, flachst die frisch am Oberschenkelhals Operierte.

Susanne Liebold

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Diakonissen Speyer

Spontan und offen auf die Menschen zugehen führt zu den persönlichsten Begegnungen

Fieber messen mit dem Zollstock

Geronto-Clown Oskar wiegt anerkennend den Kopf und leitet das Gespräch sachte in vermeintlich ernstere Gefilde. »Dann wollen wir mal sehen, was das Fieber macht«, kündigt er an – und packt seinen Zollstock aus. Geronto-Clowns nutzen ganz eigene Diagnoseverfahren, um Patienten und Pflegekräfte zum Schmunzeln zu bringen.

„Hier haben wir einen Lügendetektor", erklärt Rosa mit Blick auf ein Mikrofon in ihrem Medizinkoffer. »Das sind Heile-Gut-Pillen«, erläutert sie das Gläschen mit bunten Schoko-Linsen. Auch Jonglierbälle, der IQ-Messer für Doktoren und ein Liederbuch fehlen nicht. Hilfsmittel wie diese erleichtern den Kontaktaufbau. »Aber wir spulen kein festes Programm ab«, unterstreicht Alise Höhn. Spontan und offen auf die Menschen zuzugehen, führe zu den persönlichsten Begegnungen.

Auch beim gut gelaunten Ehepaar klappt es mit dem Singen gleich ohne Liederfibel. »Lustig ist das Zigeunerleben«, intoniert das Quartett durch die Bank textsicher. Rosa hakt den Ehemann unter und schunkelt mit ihm an den Bettrand, wo Oskar gerade die beruhigende Diagnose stellt. »37 °C, das geht«, versichert er nach einem wissenden Blick auf den Zollstock. Die Geronto-Clowns und das Ehepaar verabschieden sich herzlich – und weiter geht es zur nächsten ausgewählten Patientin.

Im Notfallkoffer
eines Geronto-Clowns

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Zollstock
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Heile-Gut-Pillen
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Jonglierbälle
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IQ-Messer für Doktoren
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Liederbuch

Lachen ist die beste Medizin

Michaela Altpeter ist eine der Stationsleitungen, die den Geronto-Clowns Besuchspatienten vorschlägt. »Wir empfehlen geriatrische Patienten, von denen wir wissen, dass sie sich über einen Besuch freuen«, beschreibt sie die behutsame Vorbereitung. »Lachen ist für sie ein absoluter Bonus«, hat sie seit dem Start der Clowns-Einsätze im Februar 2019 beobachtet.

Das Duo ist schon mitten im Gespräch mit der zweiten Patientin. Die Hochbetagte sitzt in einem Sessel am Fenster des Patientenzimmers und sinniert. »Ich bin im Leben oft unvernünftig gewesen«, teilt sie Rosa Schön vertrauensvoll mit und erntet verständiges Nicken. »Als Geronto-Clown muss man vor allem kommunikativ und empathisch sein«, betont die Leiterin der Grünen Damen an der Dürkheimer Klinik, die schon mehrere Projekte für Patienten mit der Begleitdiagnose Demenz im Haus begleitet hat.

So hat sie vor sechs Jahren die »Guud Stubb« mit aufgebaut, einen Aufenthaltsbereich für desorientierte Patienten. Für den Umgang mit Menschen mit Demenz ist die Grünstadterin wie die meisten ihrer Mitstreiterinnen in Validation nach Naomi Feil geschult. In den vergangenen zwei Jahren hat sie am Evangelischen Krankenhaus zusätzlich die kostenlose Ausbildung zum Geronto-Clown und die anschließende Hospitation abgeschlossen. Wie sämtliche 40 Absolventen hat sie sich verpflichtet, möglichst zwei Jahre für den Besuchsdienst bei Menschen mit Demenz zur Verfügung zu stehen.

Geronto-Clowns ergänzen Angebote rund ums Thema Demenz

Die 200-Betten-Klinik in der pfälzischen Kurstadt hat mit einem weiteren Krankenhaus im Land den Zuschlag als Ausbildungsstätte erhalten und seit dem Projektstart 2017 mehrere Workshop-Wochenenden mit Trainerin Vera Apel-Jösch ausgerichtet, die schon mehr als 150 Menschen zu Klinik-Clowns ausgebildet hat.

»Am Evangelischen Krankenhaus haben wir zahlreiche Angebote für Patienten mit der Begleitdiagnose Demenz entwickelt, neben der Guud Stubb auch eine Sprechstunde für Angehörige«, unterstreicht Pflegedirektorin Doris Wiegner. »Das Modellprojekt Geronto-Clowns des Landes passt daher sehr gut in unser Haus.«

Das Projekt ist Teil der Demenzstrategie des Landes Rheinland-Pfalz: Ehrenamtlich tätige Geronto-Clowns sollen den betroffenen Patienten den Aufenthalt an 20 beteiligten Kliniken erleichtern. Die Landeszentrale für Gesundheitsförderung (LZG) hat die Ausbildung der Ehrenamtlichen übernommen. Neben Clownerie waren insbesondere Validation und klientenzentrierte Kommunikation wichtige Lerninhalte.

Leichter durch den Klinikalltag

Geronto-Clowns können an Demenz erkrankte Menschen auf einer emotionalen Ebene erreichen und mit ihrem Humor Vertrauen schaffen und die fremde Umgebung angenehmer gestalten. Zugleich wird der anstrengende Klinikalltag aufgelockert und das hauptamtliche Personal entlastet.

Das Konzept geht auf – dafür ist die 90-jährige Patientin von Rosa und Oskar an diesem Mittwochnachmittag der beste Beweis. »Sie haben die Vernunft fallengelassen?«, fragt Rosa grübelnd. »Soll ich mal gucken, wo sie ist?«, schlägt sie hilfsbereit vor und macht sich auf dem Zimmerboden auf die Suche. Die alte Dame lächelt erleichtert. »Wenn man fröhlich ist, ist man viel gesünder«, sagt sie entschieden. Recht hat sie. »Sie sind eine kluge Frau«, lobt auch Geronto-Clown Rosa. »Das freut mich, das genieße ich sehr«, sagt die alte Dame und winkt ganz aufgeräumt zum Abschied.

Weitere Informationen
Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V.
geronto-clown@lzg-rlp.de

05 | 2019
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