Medizin | Pflege

Geriatrische Rehabilitation mit Therapiehund und Roboterkatze

Der Nutzen von Tieren als »Co-Therapeuten« ist vielfach belegt und unbestritten. Während der klassische Hundebesuchsdienst in vielen Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen stattfindet, ist der »festangestellte« Helfer auf vier Pfoten wie in der Geriatrie am St. Elisabeth-Krankenhaus Niederwenigern noch die Ausnahme.

»Grisu« heißt das jüngste Mitglied im geriatrischen Team um Chefärztin Dr. Christine Bienek. Der Elo ist vier Monate alt und noch in der Ausbildung zum Therapiehund. Doch schon jetzt ist sein Repertoire neben Sitz, Platz und Bleib beachtlich: Er löst verschiedene Geschicklichkeitsübungen, folgt konzentriert den Anweisungen seines Herrchens, wendet sich fremden Menschen und neuen Situationen stets freundlich und geduldig zu. Dr. Christine Bienek ist überzeugt: »Was Menschen manchmal schwer gelingt, schafft der Vierbeiner mühelos. Grisu ist ein Lichtblick für unsere Patienten. Er bringt sie zum Lachen und gibt neuen Lebensmut.« Besonders bei demenziell veränderten oder depressiven Menschen kann Grisu bisweilen verschlossene Türen öffnen und neue Kommunikationswege erschließen. Natürlich sollen auch alle anderen Patienten durch den tierischen Therapeuten in ihrem Wohlbefinden gefördert werden oder einfach mal für einen Moment die Sorgen beim Kuscheln vergessen.

Dr. Christine Bienek

Chefärztin Klinik Innere Medizin und Geriatrie

Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel

Tanja Liebelt, M.A.

Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel

Patienten empfinden die Beschäftigung mit dem Therapiehund nicht als Arbeit, sondern als beglückendes Erlebnis

Welchen Patienten die tiergestützte Therapie guttun könnte, entscheidet das Therapeutenteam bei der Frühbesprechung. Ob neurologische Erkrankung, Morbus Parkinson, Schlaganfall, Antriebsarmut oder  Sprachstörung – die Krankheitsbilder, bei denen die tiergestützte Therapie anwendbar ist, sind vielfältig. Voraussetzung ist immer, dass der Patient nicht ängstlich oder allergisch auf Hunde reagiert und sich vorher mit dem Besuch von Grisu einverstanden erklärt hat. Der Rest passiert von ganz allein. Denn dass die Beschäftigung mit dem Hund eigentlich Therapie ist, vergessen die Patienten sofort. Sie beugen sich hinab, streicheln Grisu, werfen seinen Ball oder präparieren Spielzeug mit Leckerchen.

»Was soll sich denn in meinem Alter noch durch Training verbessern« – das hören die Ärzte und Therapeuten häufig. Grisu schafft hier spielerisch neue Motivation für körperliche und geistige Betätigung, die sonst nicht mehr vorhanden ist. Die positiven Auswirkungen auf den körperlichen Zustand der Patienten sind spür- und messbar.

Das Herz-Kreislauf-System wird stabilisiert, Blutdruck und Herzfrequenz sinken

Die Muskulatur entspannt sich

Das Schmerzempfinden verringert sich

Motorik, Koordination und sensomotorische Wahrnehmung werden gefördert

Stress wird abgebaut

Aktivität und Bewegung verbessern Körpergefühl und Befindlichkeit

Voraussetzungen für den Therapiebegleithund

Das Konzept für die tiergestützte Therapie in der Geriatrie stieß bei der Geschäftsführung auf offene Ohren, nicht zuletzt aufgrund der guten Erfahrungen mit dem Therapiehund in der Klinik für Psychiatrie. Grisus Herrchen, der Ergotherapeut Marc Mull, hat das Konzept eingereicht und wurde von Beginn an unterstützt. Er wurde für Fortbildungstage freigestellt, Grisu bei der Berufshaftpflicht und Gemeinde­unfall­versicherung angemeldet.
Die Kosten für Therapie- und Verbrauchsmaterialien wie Hände­desinfektion oder Einmaltücher trägt ebenfalls das Haus, während die Ausbildung des Hundes und die Tierarztkosten auf den Hundehalter entfallen. Der Einsatz des Therapiehundes wird abgerechnet wie eine Ergotherapiestunde, zufällige Begegnungen mit Grisu auf dem Flur gibt es gratis dazu.

Der Einsatz des Therapiehundes wird abgerechnet wie eine Ergotherapiestunde, zufällige Begegnungen mit Grisu auf dem Flur gibt es gratis dazu

Grisu ist gemeinsam mit Marc Mull im Dienst und ist ausschließlich unter seiner Aufsicht im Patientenzimmer. Zwischen seinen Einsätzen hat der Vierbeiner ein ruhiges Plätzchen im Büro zum Entspannen. Für die notwendige Hygiene muss der Hund gesund sein und regelmäßig geimpft, entwurmt, gebadet und gebürstet werden. Im direkten Kontakt mit dem Patienten ist die Desinfektion von Händen und Flächen eine wichtige Maßnahme zum Schutz vor Keimübertragung. Bei infektkranken Patienten wird auf die Hundetherapie verzichtet.

Roboterkatze »Karlchen« gibt Demenzkranken Halt

Ein tierischer Helfer der anderen Art ist die Roboterkatze »Karlchen«, ein sogenannter sozialer Roboter, vermarktet unter dem Namen Justocat©. Die Katze wurde entwickelt als Teil der Reminiszenz-Therapie, eine spezielle Form der Erinnerungsarbeit, die unter anderem für Menschen mit fortgeschrittener Demenz eingesetzt wird. Mit der Demenz und dem kognitiven Rückzug aus dem Leben werden Spüren und Fühlen wichtiger. Der Wunsch nach Nähe kann durch die Katze erfüllt werden. Das Streicheln und Reden mit dem Tier kann dazu beitragen, das Wohlbefinden zu steigern und Halt und Geborgenheit zu vermitteln. Die Katze ist erstaunlich schwer, damit sie sich möglichst echt anfühlt, und hat aus hygienischen Gründen ein auswechselbares und waschbares Fell. Sie atmet, schnurrt oder miaut, wenn sie gedrückt wird. »Karlchen erträgt im Gegensatz zu Grisu die intensivere und auch längere Inanspruchnahme durch die demenzerkrankten Patienten«, schildert Oberärztin Marie-Christin Vollmar.
Die Roboterkatze ist momentan im Langzeittest auf der geriatrischen Station und kommt gut bei den Patienten an. Unruhige Patienten entspannen durch das Streicheln des weichen Fells, andere hatten früher selbst eine Katze und können an positive Emotionen anknüpfen.

Sensitive Reize werden bei Demenz immer wichtiger

Der Wunsch nach Nähe kann durch die Katze erfüllt werden

Das Streicheln und Reden mit dem Tier kann dazu beitragen, das Wohlbefinden zu steigern und Halt und Geborgenheit zu vermitteln

Roboter, die sich um Patienten »kümmern«,
darf das sein?

Dürfen wir unter ethischen Gesichtspunkten Roboter einsetzen, um das grundlegende Bedürfnis der Menschen nach Zuwendung zu befriedigen? »Ja, wenn klar ist, dass die Roboterkatze nur ein Hilfsmittel ist und nicht den Menschen ersetzt«, betont Marie-Christin Vollmar. »Den Kontakt zu den Patienten müssen und wollen nach wie vor wir Ärzte, Therapeuten und Pflegenden aufbauen. Wir sparen durch den Einsatz der Katze weder Betreuungszeit ein noch stellen wir Patienten aufs Abstellgleis.«

Wir sparen durch den Einsatz der Katze weder Betreuungszeit ein noch stellen wir Patienten aufs Abstellgleis

Ist es per se unethisch, wenn Menschen sich bei der Fürsorge um andere moderner Technik bedienen? Dr. Christine Bienek berichtet von einem Gespräch mit der Ehefrau eines schwer dementen Mannes, die sich einen solchen Roboter auch im häuslichen Umfeld vorstellen kann. »Ich bin froh um kurze Momente, in denen mein Mann mit etwas beschäftigt ist, mit dem er sich wohlfühlt, und ich einen Augenblick habe, in dem ich neue Kraft schöpfen darf«, erzählte die Frau. Auch sie betrachtet die Roboterkatze als das, was sie ist: als ein technisches Hilfsmittel, das die menschliche Zuwendung von Zeit zu Zeit ergänzen kann.

06 | 2016
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