Medizin | Pflege

Elektronische Pflegedokumentation optimiert Pflegeprozess

Wenn ein Patient stationär im Krankenhaus aufgenommen wird, startet eine ganze Maschinerie rund um seine medizinisch-pflegerische Betreuung. Ärzte und Pflege dokumentieren möglichst umfassend alle Maßnahmen. Doch die elektronische Erfassung des Pflegeprozesses steckt noch immer in den Kinderschuhen. Vieles erfolgt papierbasiert oder durch eine Vielzahl elektronischer Formulare, an die die Pflegenden denken müssen.

Experten fordern deshalb mehr IT- und Prozessdenken in der Pflege für mehr Qualität, Vollständigkeit, Übersichtlichkeit und letztlich auch Abrechenbarkeit. Die Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel haben jetzt das Projekt ePA-AC/LEP umgesetzt, das einen wichtigen Schritt in die Zukunft der EDV-gestützten Pflegedokumentation bedeutet.

Tanja Liebelt, M.A.

Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel

Iris Vogel, B.A.

Pflegeexpertin

Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel

Behandlungsverlauf besser nachvollziehbar machen

»Unser Ziel war es, eine übersichtliche, nachvollziehbare und vollständige elektronische Dokumentation des Pflegeverlaufs zu erreichen, die die Mitarbeiter unterstützt und zu einer einheitlichen Fachsprache beiträgt«, berichtet Iris Vogel. Die Pflegeexpertin leitet die Stabsstelle Pflegeentwicklung bei den Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel. Damit die Pflegenden mit dem neuen System umzugehen lernen, hat sie gemeinsam mit ihrem Team und in enger Abstimmung mit den Stationsleitungen ein Schulungskonzept erstellt. Denn das System besteht aus drei unterschiedlichen Software-Modulen (ePA-AC, PPRO von Orbis und LEP). Hinter dem sperrigen Namen ePA-AC (elektronisches PflegeAssessment Acute Care) verbirgt sich die EDV-gestützte Pflegeanamnese, die die Basis für die Pflegeplanung bildet und für einen adäquaten Überblick über den Patientenzustand sorgt. Die anschließende Pflegeplanung mit Pflegeproblemen, -zielen und -maßnahmen findet durch PPRO (Pflegeprozessunterstützung) von Orbis prozessgesteuert statt. Am Ende verschlüsseln die durchgeführten Pflegemaßnahmen automatisch Pflegeminuten, da diese an LEP (Leistungserfassung in der Pflege) gekoppelt sind.

Pflegeexpertin Iris Vogel leitet das Projekt ePA-AC

Pflegeexpertin Iris Vogel leitet das Projekt ePA-AC

Weniger Schritte für die Pflege, die nun nicht mehr 35 separate Formulare pflegen muss

Die Software ePA-AC verbindet Teile der bisherigen Pflegedokumentation, indem sie Screening- und Assessmentinstrumente wie beispielsweise für Dekubitus, Sturz oder NRS 2002 automatisch über die Pflegeanamnese generiert.
Über den Selbstpflegeindex (SPI) wird die Schwere der Pflegebedürftigkeit eines Patienten abgebildet. Der SPI ist der zentrale Score im ePA-AC und wird anhand von zehn funktionalen und kognitiven Kategorien (z.B. Bewegung, Körperpflege/Kleiden, Ernährung, Kognition/ Bewusstsein) mit insgesamt 57 Items errechnet.

»Die neue umfangreiche Pflegeanamnese, die mit dem System möglich ist, bedeutet weniger Schritte für die Pflege, die nun nicht mehr 35 separate Formulare pflegen muss. Risiken, die der Patient mitbringt, werden in ePA-AC systematisch ermittelt und automatisch alle 24 Stunden überprüft«, erklärt Iris Vogel. So werden auch gleich Kriterien erfüllt, die die Kostenträger und Expertenstandards fordern.

ePA-AC

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Screening und Assessmentinstrumente für die Anamnese
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Selbstpflegeindex mit funktionalen und kognitiven Kategorien
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systematische Ermittlung von Risiken

Vorschau

Gewinn für Mitarbeiter und Patienten: kontinuierliche, risikobasierte Pflege

Elektronische Pflegedokumentation bedeutet für den Patienten, dass bereits ab der Aufnahme seine persönlichen Risiken und Selbstpflegefähigkeiten dokumentiert werden. Dass sie alle 24 Stunden neu eingeschätzt werden, kann den Verlauf begünstigen, etwa bei Dekubitus. Gut darzustellen, was der Patient kann, wobei er wie viel Hilfe braucht, und anhand dessen die erforderlichen Maßnahmen zu planen, ist eine große Arbeitserleichterung und ein Qualitätsgewinn in der Pflege. Zu wissen, welche Maßnahmen erfolgt sind, ist außerdem die Voraussetzung für eine reibungslose Übergabe an die Kollegen, die die Patientengeschichte nicht kennen. Iris Vogel: »Ich erhoffe mir außerdem, dass die Dokumentation bei wiederkehrenden Patienten einfacher wird, weil man die Daten aus dem Altfall entnehmen kann.«

Fit für die praktische Umsetzung

Nun gilt es, alle Mitarbeiter in Schulungen fit zu machen für die neue Pflegedokumentation. Im September wurde mit drei Stationen im St. Josef-Krankenhaus Kupferdreh begonnen, sukzessive werden alle weiteren geschult. 2018 folgen dann die geriatrischen und psychiatrischen Stationen am Standort St. Elisabeth-Krankenhaus Niederwenigern. Neben Iris Vogel stehen Christin Vollrath, Vanessa Herzog-Linnemann und Christian Bergmann als Experten für die Mitarbeiter zur Verfügung. Alle Pflegenden werden für die Schulung für einen Tag freigestellt. Am nächsten Tag können sie auf der Station das Erlernte direkt anwenden und werden zur Unterstützung von den Experten bei der praktischen Umsetzung begleitet.

Pflegerin Kerstin Drost arbeitet bereits mit ePA-AC. Pflegeexpertin Christin Vollrath gibt Hilfestellung, wenn nötig

Pflegerin Kerstin Drost arbeitet bereits mit ePA-AC. Pflegeexpertin Christin Vollrath gibt Hilfestellung, wenn nötig

Eine detaillierte Pflege- oder Maßnahmenplanung für jeden Patienten

Die Mitarbeiter nehmen die elektronische Pflegedokumentation gut an. »Natürlich hat das Plus an Dokumentationsaufwand zunächst ein wenig abgeschreckt«, räumt Iris Vogel ein. »Aber nach wenigen Tagen merken die Anwender, dass das System gar nicht so kompliziert ist und arbeiten mittlerweile gern damit.« Dass nun für jeden Patienten eine detaillierte Pflege- oder Maßnahmenplanung vorliegt und der Pflegeprozess sehr viel transparenter ist, macht den Aufwand wett. Die elektronische Pflegedokumentation ist mehr als nur ein weiteres Assessmentinstrument, ist die Pflegeexpertin überzeugt: »Die Krankenhäuser, die in fünf Jahren den Pflegeprozess noch nicht elektronisch abbilden, werden den gestiegenen Anforderungen an die Dokumentationsqualität nicht mehr nachkommen können.« Nicht zuletzt erhoffen sich die Verantwortlichen, dass das Haus durch die zukunftsweisende und wissenschaftlich fundierte Pflegedokumentation als Arbeitgeber attraktiv bleibt und sich potenzielle Bewerber für dieses innovative Arbeitsumfeld entscheiden.

12 | 2017
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